Rezensionen im russischen Web

Bevor ich in einer Woche wieder nach Moskau fahre und mit vollem Bücherkoffer zurückkomme, hier einmal zwei Links, unter denen es (auf Russisch) Kurzrezensionen russischer geisteswissenschaftlicher Neuerscheinungen gibt.

Zum einen ist es die Neuerwerbungsliste der Staatlichen Gesellschaftspolitischen Bibliothek in Moskau, die essentielle Bestände zur Arbeiterbewegung- bzw. Kommunismusforschung hat, und eine entsprechende Anschaffungspolitik verfolgt:

http://gopb.ru/Catalogues/newb/

Zum anderen lohnt sich stets der Blick auf die Seite des tollen Moskauer Buchladens „Falanster“, die sowohl Annotationen von Neuerscheinungen als auch Rezensionen beinhaltet:

http://www.falanster.su

Lies die Bücher nicht nur zu deinem persönlichen Ergötzen…


…sondern auch zu dem Zwecke, die gewonnene Bereicherung deines Wissens im Interesse der Gesamtheit, besonders zur Förderung des proletarischen Befreiungskampfes anzuwenden.

In Ermangelung an Zeit, etwas Sinnvolles über neue russische Bücher zu schreiben, wenigstens etwas zum Staunen: Die Zehn Lese-Regeln der FDGB-Jugendbibliothek in Berlin, wohl aus den 1920er Jahren (eingeklebt in ein Exemplar der Bakunin-Biographie von Steklov).

International Newsletter of Communist Studies Online – Ausgabe 2009

Nach langen Arbeitstagen und -nächten ist es soweit: der International Newsletter of Communist Studies Online erscheint in seiner 2009er-Ausgabe, die stolze 364 Seiten umfaßt und neben den „gewöhnlichen“ Informationsrubriken (Bibliographien, News, Konferenzenkalender) einen sehr umfangreichen Artikelteil beinhaltet. Thematisch geht es um Lateinamerika (KP Argentiniens, linkssozialistische russische Emigranten und Komintern, Kommunistische Jugend Brasiliens in den 1930ern, lateinamerikanische Komintern-Kader), Südost- und Ostmitteleuropa (1956 in Rumänien, László-Rájk-Prozeß und polnische Presse, slovenische Dissidenten und jugoslawischer Antistalinismus), Schweizer Spanienfreiwillige, Rußlanddeutsche in sowjetischen Politbürobeschlüssen, und einiges mehr. Darüber hinaus gibt es Buchbesprechungen, u.a. eine geglättete Fassung meiner Schalamow-Rezension.

Das komplette Heft kann man hier [pdf, 4,6mb] herunterladen.

Russischer Anarchismus nach der Wende

Dmitrij E. Bučenkov: Anarchisty v Rossii v konce XX veka, Moskva, URSS, 2009. 160 S. (Rasmyšljaja ob anarchizme). ISBN: 978-5-397-00516-6

Daß der eher orthodox marxistische URSS-Verlag eine Serie über den Anarchismus startet, ist schon bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, daß in dieser Serie die wohl erste Monographie zum modernen russischen Anarchismus erscheint, die nicht bloß aus Erinnerungen eines „Veteranen der Bewegung“ besteht. Bučenkov ist Politologe und Aktivist der russischen Autonomen, das vorliegende Buch ist seine umgearbeitete Kandidaten-Dissertation (russisches Äquivalent einer Doktorarbeit) von 2003. Sympathien für den Gegenstand sind selbstverständlich klar erkennbar, trotzdem arbeitet der Autor vergleichsweise sine ira et studio und schöpft dabei u.a. aus einem umfangreichen Privatarchiv anarchistischer Flugblätter. Es geht um die Einstellung russischer anarchistischer Gruppen zur Privatisierung und den Regierungskrisen unter Jelzin, zum Krieg in Tschetschenien, um das Verhältnis von Anarchismus und jugendlichen Subkulturen u.a.m. Das Werk hat zweifellos seine Schwächen: Es gibt Faktenfehler bezüglich der Geschichte des klassischen Anarchismus, viele Erläuterungen zur allgemeinen politischen Situation sind eher überflüssige Abschweifungen, und der Aufbau ist nicht wirklich schlüssig. Nichtsdestotrotz schließe ich mich weniger dem – im Detail durchaus berechtigten – Verriss auf Bakunista! an, als der ausgewogenen Meinung des Rabkor.ru-Rezensenten, der das Buch trotz aller Mängel als „nützlich und wichtig“ erachtet. Und außerdem wurde Bučenkov Anfang des Jahres wegen seiner politischen Aktivitäten von der Uni, an der er mehrere Jahre unterrichtet hatte, gefeuert – da kann wohl etwas Unterstützung nicht schaden.

Mit vollen Koffern zurück…

Ohne mich groß rechtfertigen zu wollen, warum hier anderthalb Jahre lang nichts Neues zu lesen war, kündige ich jetzt einfach mal kommentarlos an, daß der Bücherkoffer wieder da ist. Ich fahre nach wie vor nach Moskau, und dort nach Büchern stöbern macht nach wie vor Spaß, trotz einer zunehmenden Zahl an infamem Müll und subtiler Pseudo-Wissenschaft nach Gusto der „Wahrheitskommission“.

Manchmal wirkt die Kombination aus Wissenschaft, Unterhaltung und Bosheit aber auch einfach nur bizarr. Ein kleiner Eindruck aus einem auf wissenschaftliche Literatur spezialisierten Bücherkiosk im INION: Ein Regalbrett mit der Aufschrift „Judaistik“. Ein Drittel der Ware nehmen halbverdeckt oder offen antisemitische Machwerke ein, die Titel tragen wie „Der geheime Kahal: Was die Juden mit Russland vorhaben“ oder (was allerdings in einem anderen Laden gesichtet wurde) „Russlands Freunde und Feinde“ (wobei „Freunde“ in pseudo-altrussischer Schrift gesetzt ist, und „Feinde“ natürlich in einer hebräischen Buchstaben nachempfundenen). Ein weiteres Drittel stellt… jüdische Literatur! Und zwar nicht irgendwelche, sondern religiöse Unterweisungen, etwa zur Einhaltung der Speisevorschriften… Das letzte Drittel schließlich ist seriöse wissenschaftliche Literatur zur jüdischen Geschichte. Die Regalbretter halten eben alles aus!

Doch natürlich gibt es auch weiterhin tolle, lesenswerte, informative, kritische Bücher in Rußland. Und über diese soll hier im Weiteren die Rede sein.

Warlam Schalamow – Neuer Konferenzband

Sirotinskaja, Irina P. (ed.): K stoletiju so dnja roždenija Varlama Šalamova. Materialy meždunarodnoj konferencii, Moskva, o.V., 2007. 332 p.

Wenn ein Name im Gulag-Diskurs der letzten Jahrzehnte schmerzlich untergegangen ist, so ist es der Varlam Šalamovs. Der Sohn eines Priesters, der als Heranwachsender die Februar- und Oktoberrevolution begeistert miterlebte und als Student mit dem Kopf voran in das gesellscnaftlichen Leben der 1920er Jahre stürzte, schloß sich als Parteiloser der Linken Opposition an und wurde 1929 in einer Untergrunddruckerei verhaftet, wo er Lenins „Testament“ vervielfältigte. Das Folge: insgesamt 17 Jahre Gefängnis- und Lagerhaft (mit einer fünfjährigen Unterbrechung), davon lange Jahre in der berüchtigten sibirischen Region Kolyma. Bereits im Lager schreibt Šalamov Gedichte, und bald nach seiner Freilassung beginnt er, die Erlebnisse und Eindrücke der Haft in Kurzgeschichten festzuhalten. Im Gegensatz zu Chronisten des Gulags wie Solženicyn geht es ihm nicht darum, das kommunistische „System“ zu „entlarven“. Šalamov zeigt die moralische Tragödie der Gulag-Existenz auf, ohne moralisierend den Zeigefinger zu heben; die moralische Tragödie ist für ihn eine existenzielle, dem Menschen immanente. Wozu sind Menschen fähig, in denen alle Gefühlsregungen absterben, bis auf den nackten Überlebensinstinkt? Was ist, wenn selbst dieser erlischt? Ähnlich den „Thesen über den Begriff der Geschichte“ Walter Benjamins stellt der 1982 verstorbene Šalamov durch sein Werk den „sturen Fortschrittsglauben“, die Gewißheit der stetigen Besser-Werdung des Menschen in Frage – ohne dabei jedoch den Glauben an den Menschen zu verlieren. Nicht zuletzt die lakonische, mit dem frühen Andrej Platonov vergleichbare Sprache Šalamovs, die den klirrenden Schrecken des Gulag höchst poetisch – und ohne auch nur einen Tropfen Pathos – wiedergibt, macht Šalamov zu einer der literarischen Leitfiguren des 20. Jahrhunderts. Einer weitgehend untergegangenen allerdings, wenn man von einer kurze Zeit der Prominenz in der Perestroika absieht.

Dies scheint sich nun zu ändern, und die Ereignisse überrollen einander förmlich. Erst, vor einigen Jahren, eine vielbeachtete französische Ausgabe der „Erzählungen“, dann die Ankündigung einer deutschsprachigen sechsbändigen Werkausgabe, deren erster Band in den Feuilletons gefeiert wurde; schließlich ein materialreiches und hochwertiges Sonderheft der Zeitschrift Osteuropa.

Und auch in Rußland kam Šalamov im letzten Jahr eine Ehre zuteil – eine große wissenschaftliche Konferenz zu seinem hundersten Jubiläum. Die Tagung, organisiert von Šalamovs letzter Lebensgefährtin und Nachlaßverwalterin Irina Sirotinskaja, fand im Juni statt, und der entsprechende Band erschien bereits im Oktober selben Jahres – eine rekordverdächtige Leistung. Auf diese Eile hätte man allerdings, angesichts der gravierenden editorischen Mankos wie „verschluckten“ Fußnoten und dem Fehlen eines ordentlichen Inhaltsverzeichnisses, getrost verzichten können. Um den Vertrieb scheint es ebenfalls nicht sonderlich gut bestellt zu sein – selbst in Moskaus Buchläden ist der Band kaum erhältlich, sondern fast ausschließlich von Memorial zu beziehen –, was den Band im Westen voraussichtlich zu einer völligen Nichtbeachtung verurteilen wird. Um so wichtiger ist es, sich mit ihm an dieser Stelle auseinanderzusetzen.

Die Beiträge glänzen vor allem durch internationale Präsenz und thematische Breite. Es sind deutsche, französische, spanische, bulgarische Forscher vertreten, und, was vielleicht noch wichtiger ist, viele Forscher der russischen Provinz, die im straff zentralisierten, an den Polen Moskau und Petersburg ausgerichteten Wissenschaftsland Rußland tendenziell untergehen. Thematisch gibt es Beiträge zu Geschichte, Literaturwissenschaft, Philosophie, Heimatkunde, all dies verwoben mit Leben und Werk des großen Lagerschriftstellers, der jedoch nicht ausschließlich in die Rahmen der „Lagerprosa“ zu fassen ist. Šalamov sah sich zeitlebens als Protagonist der russischen, ja europäischen Kulturlandschaft, und vor allem der Beitrag des Bulgaren Rossen Džagalov über das Verhältnis Šalamovs zum Existentialismus trägt dazu bei, dies zu begreifen und zu würdigen. Der tendenzielle Versuchung, Šalamov an dem „berühmteren“ Protagonisten der Lagerprosa, Solženicyn, zu messen, wird im Beitrag von Nikolaj Ganuščak Rechnung getragen. In seiner Überblicksdarstellung wird alles Essentielle zum Bruch und dem Verhältnis danach aufgeführt, was bereits in der westlichen Literatur berücksichtigt wurde, aber auch neue Fakten, wie das Verbot seitens Solženicyn von Publikationen seiner alten Briefe an Šalamov, bereichern das Gesamtbild, wie auch die Aussage Solženicyns über die ursprünglich geplante Co-Autorenschaft beider Schriftsteller an „Archipel GULag“.

Eine fast überdimensionierte Rolle spielen in der Gewichtung der Beiträge die Aspekte des Religiösen bei Šalamov. Teilweise sind solche Ansätze sehr fruchtbar – etwa wenn Jurij Rozanov den Einfluß der Gestalt des Protopopen Avvakum in Šalamovs Werk untersucht. Angesichts mancher Beiträge gewinnt man jedoch den Eindruck, daß der bekennend areligiöse (wenn auch großen Respekt vor dem Glauben anderer aufbringende) Schriftsteller für einen religiös motivierten Lesekreis „rehabilitiert“ werden soll. So versucht Valerij Petročenkov, Šalamovs Ungläubigkeit auf einen banalen Vater-Sohn-Konflikt zu reduzieren. Auch Sof’ja Šolomova führt ohne offensichtlichen Erkenntnisgewinn umfangreiche Zitate aus einem religiös exaltierten Brief der Pianistin Marija Judina an den Schriftsteller an, und schließt daran die Feststellung, der Ton des Briefes mache „ersichtlich, daß V.T. Šalamov zu dem Personenkreis gehörte, der ihr [d.h. Judina] weltanschaulich nahe war.“ (S. 285). Nicht nur das Fehlen eines Hinweis auf eine Reaktion Šalamovs auf diesen Brief macht eine solche Schlußfolgerung mehr als unwahrscheinlich.

Trotz aller Vereinnahmungsversuche sollte ein wichtiger Aspekt nicht untergehen: Šalamov sah sich weltanschaulich durchaus als Erben der revolutionären Bewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Davon zeugt seine Autobiographie, mit seiner jugendlichen Begeisterung für revolutionäre Klassiker, mit dem lebhaften Anteil an den russischen Revolutionen, mit dem Bekenntnis zu den 1920er Jahren als Zeit fruchtbarer intellektueller Strömungen. Und schließlich hat er für die Belange der Linken Opposition, freilich ohne sich parteipolitischen von ihr vereinnahmen zu lassen, den Weg eingeschlagen, der für ihn in der Konsequenz endlose Lager und Gefängnisse bedeutete – ein Fakt, den Solženicyn ihm nachweislich noch posthum vorgehalten hatte. Das Revolutionäre ist ein essentieller Aspekt in Šalamovs Leben und Werk, und der an den Schluß des Bandes verbannte Tagungsbeitrag von Mark Golovizin, des Herausgabers der russischen Edition der Cahiers du mouvement ouvrier, trägt diesem Aspekt Rechnung. Er weist auf die Rolle hin , welche in Šalamovs Dichtung revolutionäre Gestalten wie Garibaldi spielen, macht auf den Respekt aufmerksam, welchen Šalamov den gefangenen Sozialrevolutionären, Anarchisten und durchaus auch Kommunisten in den „Erzählungen von Kolyma“ zollt, verweist auf Aussagen des Schriftstellers im Hinblick auf seine oppositionelle Tätigkeit der 1920er Jahre, und führt Belege für das lebhaftes Interesse des Šalamovs – nach Jahren erlittenen stalinistischen Terrors – an der Figur Che Guevaras an. Golovizin liefert damit einen sehr wichtigen Beitrag zur Verortung Šalamovs außerhalb der klassischen sowjetischen „Dissidenten“-Kreise.

Es fällt einem Historiker schwer, einen Band mit einer derart breiten Fächerung der Forschungsdisziplinen gleichmäßig zu beurteilen. Trotz aller aufgeführten Mängel sollte jedoch festgehalten werden, daß der Tagungsband viele wichtige Impulse für die Šalamov-Forschung und darüber hinaus enthält, und gerade angesichts des Šalamov-„Revivals“ im Westen mehr Beachtung verdient.

Versatzstücke eines Lexikons

Cheveši, M. A.: Tolkovyj slovar’ ideologičeskich i političeskich terminov sovetskogo perioda, Moskva, Meždunarodnye otnošenija, 2004². 192 S.

Wer mit politischen und vor allem ideologischen Dokumenten der Sowjetzeit konfrontiert wird, wird manchmal auch mit den fundiertesten Russischkenntnissen nicht vorankommen. Die Macht der Konnotation siegt in vielen Fällen über die Denotation der Begriffe. Es bedarf einiger Recherche, um herauszufinden, daß beispielsweise „Ingenieure der Menschenseele“ (inženery čelovečeskich duš) weder Techniker noch „Seelenklempner“ sind, sondern nach einem geflügelten Wort Stalins von 1934 für das Idealbild der sowjetischen Schriftstellerzunft stehen. Oder daß sich hinter der „Königin der Felder“ (carica polej) bloß die schnöde Maispflanze verbirgt, die unter Chruščev zur Retterin der Landwirtschaft hochstilisiert wurde.

Um diesem Bedeutungsdickicht zu begegnen, ist ein Lexikon ideologischer Termini bitter nötig. Und so verfasste die russisch-ungarische Philosophin Mária Hevesi 2002 ein handliches „Lexikon ideologischer und politischer Termini der Sowjetperiode“, welches aktuell in zweiter Auflage in Moskaus Buchläden immer noch zu haben ist. Ihr Vorsatz ist vor allem ein aufklärerischer: „Die Sowjetmacht entfernt sich immer mehr von den Menschen der Gegenwart, und für die junge Generation sind viele Begriffe der Zeit entweder schlicht unverständlich, oder mit einem völlig anderen Inhalt belegt.“ (S. 3). Für einen solchen Bildungsauftrag ist der Band sicherlich gelungen konzipiert, mit einem mehr als humanen Kaufpreis (62 Rubel) und konzisen, allgemein verständlichen Definitionen. Es ist ein potentiell gutes Arbeitswerkzeug, um nicht nur die oben angeführten Poetismen der Sowjetsprache zu entschlüsseln, sondern auch eklatante Euphemismen wie „Internationale Hilfe für die Tschechoslowakei“ im Bezug auf den Prager Frühling, oder spezifisch sowjetische Konnotationen scheinbar allgemeinverständlicher Begriffe wie „gesellschaftliche Arbeit“ (obščestvennaja rabota) und „Avantgarde“. Als Quellen für die Definitionen werden Texte der Sowjetregierung und ihrer Führer sowie sowjetische Lexika und Presseerzeugnisse herangezogen.

Das Konzept ist jedoch nicht ohne Inkonsequenzen. Zum ist es unklar, wieso Begriffe aus der sowjetischen Umgangssprache, wie „chruščeby“ und „šaraška“, in dem Lexikon ihren Platz finden. Sind Begriffe, die aus einem inoffiziellen oder gar subversiven Kontext kommen, „ideologische und politische Termini“ der Sowjetzeit? Die Verfasserin begründet diese umgangssprachlichen Einsprengsel mit der Notwendigkeit, „die Verflechtung zwischen Ideologie und Alltag“ aufzuzeigen (S. 4). Ein gesondertes Lexikon zur sowjetischen Alltagssprache hätte dies sicherlich besser bewerkstelligt.

Desweiteren bleibt im Dunkeln, inwiefern Bezeichnungen sowjetischer Institutionen „ideologische Termini“ sind. Sie machen einen beträchtlichen Teil des Lexikons aus; von Profintern bis Politbüro sind die wichtigsten Institutionen sowjetischer Geschichte abgedeckt. Die entsprechenden Erklärungen behandeln jedoch nicht die Begriffsgeschichte als solche, sondern geben zumeist rein organisationsgeschichtliche Abrisse, die wenig erhellen und in manchen Fällen, wie im Falle der Komintern (S. 71-72), gar potentiell irreführend sind. Irreführend und hart an der Grenze sachlicher Richtigkeit sind aber auch manchmal die begriffsgeschichtlichen Definitionen, so beim Terminus „Genosse“ (tovarišč), der wie folgt definiert wird: „sowjetischer Anredeform für jeden Menschen unabhängig von seinem Geschlecht, Alter und sozialer Lage (ausgenommen Häftlinge). […] Eine solche Anrede stellte die Mitglieder der Gesellschaft quasi auf eine Stufe.“ (S. 152). Dies wird mit einem Zitat aus einem Wörterbuch von 1952 unterlegt. Wer jedoch die Dokumente des sowjetischen politischen Diskurses zumindest für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr als annähernd kennt, wird wissen, daß die Anredeform des „Genossen“ bei weitem nicht nur Häftlingen vorenthalten blieb. Priester, Adelige und andere „Ehemalige“, aber auch Mitglieder anderer sozialistischer Strömungen wurden kaum als Genossen bezeichnet, unerheblich ob in Freiheit oder im Lager. Der Terminus des „Genossen“ diente in der Praxis eben nicht der Nivellierung zwischenmenschlicher Unterschiede, sondern der Abgrenzung. Auch bei Mitgliedern der parteiinternen Oppositionen der 1920er Jahre endete die „Genossenschaft“ spätestens mit ihrem Ausschluß aus der Partei, also lange bevor (wenn überhaupt) die Verhaftung erfolgte. Als Trockij zwangsexiliert werden sollte, lautete der entsprechende Politbüro-Tagespunkt lakonisch „O vysylke Trockogo“, ohne auch nur einen Hauch des identitätsstiftenden „t.“. Ein Begriffslexikon sollte durchaus durch Prägnanz und Kürze glänzen, nicht jedoch zugunsten von entstellenden Verallgemeinerungen.

Richtig kritisch wird es, wenn das Lexikon, welches zum Ziel hat, die Ideologisierung der sowjetischen Sprache zu desavouieren, selbst – bewusst oder unbewusst – ideologische Schablonen ins Feld führt. So wird zum Beispiel der „Hunger 1931-1932“ als Begriff aufgeführt (obwohl die Hungersnot im Sowjetdiskurs doch gerade nicht thematisiert wurde), und die Definition wird eingeleitet mit der Feststellung, die Hungersnot sei keineswegs durch Naturkatastrophen, sondern von der Führung künstlich hervorgerufen worden (S. 41). Damit wird dem Leser die streitbare Geschichtskonzeption um den „ukrainischen Genozid“ subversiv untergeschoben, ohne daß es auch nur irgendetwas zu einer Begriffsklärung beitragen würde. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist auch die Begriffsdefinition von „Machnovščina“, die auszugsweise folgendermaßen lautet:

“Dies war eine anarchistische Bewegung, deren Verhältnis zur Institution des Staates von Hass geprägt war, und die einen ‚herrschaftsfreien Staat’ und ‚freie Sowjets’ proklamierte. In der Praxis führte dies zu Massenraub und Mord.“ (S. 90-91).

Unabhängig von der Ignoranz gegenüber historischen Fakten und der völlig sinnfreien Logik dieser Aussage fällt dabei paradoxerweise auf, daß diese von überzeichnetem Etatismus geprägte „Definition“ eine Eins-zu-Eins-Kopie des zeitgenössischen kommunistischen Machno-Diskurses darstellt. Hier wird jedoch auf einen Hinweis auf einschlägige Sowjetlexika verzichtet. Ist dies also das persönliches Urteil der Autorin? Dann hat das sich der Entideologisierung verschriebene Lexikon nicht nur einen eigenen ideologischen Einschlag, sondern reproduziert auch noch zu allem Überfluss sowjetische Ideologeme.

Was also bleibt, sind lediglich Versatzstücke eines Begriffslexikons, die einem Mangel an Systematik genauso zum Opfer fallen wie einer Ideologiestürmerei, die dann doch allzu ideologisch ausfällt. Der Band kann ein nützliches Utensil sein, um dem Sinngehalt bestimmter Begriffe auf die Spur zu kommen, alles in allem ist er jedoch von einem stringenten Lexikon ideologischer Sprache weit entfernt.

Worum geht es?

Wenn man als Historiker nach Moskau in die Archive fährt, sollte der Koffer möglichst leer sein. Und wenn man sich auf dem Rückflug befindet, ist es nicht verkehrt, den einen oder anderen Tausend-Rubel-Schein griffbereit zu haben – denn das Büchersortiment der russischen Hauptstadt garantiert Übergepäck. So gut wie jede Moskauer wissenschaftliche Institution, von Archiven bis zu den diversen Instituten, hat einen angeschlossenen Buchladen, aus dem man kaum mit leeren Händen herausgehen wird. Vom stattlichen ROSSPEN-Dokumentenwälzer bis hin zu Institutsveröffentlichungen in Kleinstauflage und Samizdat-Broschüren, all das findet man in den „akademischen“ Buchläden zu recht humanen Preisen (z.B. kostet ein aktueller Hardcover-Dokumentenband zu Judenpogromen im russischen Bürgerkrieg umgerechnet knapp 16 Euro – für westliche Buchmärkte unvorstellbar). Das Sortiment variiert extrem, was nicht zuletzt den rudimentären Vertriebswegen des russischen akademischen Buchmarktes geschuldet ist. Wer länger als 10 Minuten in den Regalen stöbert, wird garantiert Zeuge einer solchen Szene:

Bärtiger Mann mit abgewetzter Leder-Umhängetasche betritt den Laden, schaut sich um, bleibt an der Theke stehen, wo die etwas füllige Buchhändlerin mittleren Alters gerade ihre Alltagssorgen mit ihrer besten Freundin wegtelefoniert hatte.
- Schönen guten Tag, ZZ XYowna, wie steht’s?
- `Tag, XY ZZowitsch, man kann nicht klagen. Was führt Sie hierher? Haben Sie schon den neuen Band über die SR-Prozesse gesehen?
- Nun ja, ich habe endlich mein neues Buch drucken lassen, das eine, von dem ich Ihnen letzte Woche erzählte. Komsomolzen im sibirischen Dorf. Hoch interessant! Kann ich Ihnen nicht ein Paar Exemplare hierhin stellen?
- Hm, hm, lassen Sie mir fünf Stück da, nein, warten Sie, besser zwei, das Geschäft läuft gerade nicht so gut. Kommen Sie doch nächste Woche noch einmal vorbei, dann sehen wir, wie das Buch weggeht.
- Fein, fein, hier sind zwei Bände, die Tasche hätte ich gerne wieder. Und jetzt sehe ich mich mal um, was ihr diese Woche Schönes habt!

Als ich im Sommer im Falanster ein kleines Bändchen zur Tätigkeit der American Relief Administration in Baschkortostan zur Kasse brachte, fehlte der Verkäuferin zunächst der Preis. Der gerade die Regale auffüllende Kollege wusste Bescheid: „Ach, das war doch der Soundso aus Birsk, er hat die Bändchen letzte Woche vorbeigebracht. Was hat er noch einmal gesagt, wieviel wir dafür nehmen sollen? 15 Rubel? Oder, warte mal, waren’s nicht 10? Gut, mach 10 draus!“ 10 Rubel sind nicht einmal 50 Cent.

So ist es kein Wunder, daß mein Koffer aus Moskau vor allem ein Bücherkoffer ist. Und dieser Blog soll dazu dienen, über die wichtigsten, interessantesten, skurillsten, bahnbrechendsten, neusten, rarsten Stücke aus diesem mitterweile durch in Pappdeckel gepresste Papierbrocken arg lädierten Gepäckstück zu berichten. Ohne den Anspruch wissenschaftlichen Rezensierens soll hier über das berichtet werden, was der russische geisteswissenschaftliche Büchermarkt momentan zu bieten hat, oder auch, was aktuell aus alten Lagerbeständen wieder den Weg in die „knižnye kioski“ findet. Natürlich wird es hier, meinen Kaufgewohnheiten und Interessengebieten entsprechend, in erster Linie um Veröffentlichungen zur Sowjetunion gehen, zu den russischen Revolutionen, zu linken Strömungen um die Jahrhundertwende, zur internationalen kommunistischen Bewegung… Aber was wäre ein Historiker, der nicht über den Tellerrand hinausblickt? Auch Essayistisches, Kulturologisches, Linguistisches, Belletristisches findet dann und wann den Weg in den Koffer, der, bis an die Grenzen überladen, den Weg Moskau-Köln nimmt.